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Unglaubensgespräch: Rund 100 Interessierte diskutieren über Kindesmissbrauch Drucken E-Mail

Zölibat ist kein Auslöser für Pädaphilie 
Cloppenburg-Stapelfeld.  Monatelang überschlugen sich die Schlagzeilen, das Thema kochte hoch und stellte die Kirche an den Pranger. Priester und Pater, die Kinder sexuell missbrauchen: Das Unfassbare kam aus dem Dunkel jahrzehntelanger Vertuschung ans Licht. Lange schien eine sachliche Auseinandersetzung mit den Vorkommnissen und Hintergründen kaum möglich. Die Katholische Akademie Stapelfeld startete dennoch einen Versuch und lud ein zum „Unglaubensgespräch“ über „Gottes Bodenpersonal“. Fast 100 Interessierte aus allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten trafen sich am vergangenen Sonntagabend zum Diskutieren, Fragen, Austauschen.

Bewusst hatte der Leiter der Runde, Pfarrer Dr. Marc Röbel, die Cloppenburger Psychiaterin Dr. Martina Weiler-Berges als fachkundige Referentin mit ins Boot geholt. Denn beim Thema Missbrauch wird vieles in einen Topf geworfen, was differenziert gehört. So war denn eine der zentralen Fragen: Was genau versteht man unter Pädophilie?

Die Wissenschaft spreche hier von einer Abweichung in der Sexual-Präferenz, erläuterte Dr. Weiler-Berges. Ein pädophil veranlagter Mensch erlange eine Befriedigung seines Sexualtriebes ausschließlich mit Kindern. Und empfinde diesen Impuls aufgrund seines Unrechtsbewusstseins und der gesellschaftlichen Ächtung meist als extrem belastend. Die Ursachen für diese Störung seien noch unklar. Fest stehe allerdings, dass die Veranlagung schon lange vor der Geschlechtsreife des Betroffenen da sei. Eine Heilung gebe es nicht. Therapien zielten auf das Erlernen einer Verhaltenskontrolle, teilweise mit medikamentöser Unterstützung.

Kann der Pflichtzölibat der katholischen Kirche ein auslösender Faktor für Pädophilie sein? Dafür gebe es keine Anhaltspunkte, erklärte die Ärztin. Denkbar sei aber, dass manche Betroffene den Priesterberuf wählen, weil sie sich von den klaren Regeln und dem  Enthaltsamkeitsversprechen eine Hilfe bei der Bewältigung ihrer Neigung erhofften. Dass allerdings in der katholischen Kirche deshalb mehr Pädophile zu finden seien, als in anderen Berufsgruppen, dafür gebe es keine Belege.

Dr. Weiler-Berges stellte zudem klar, dass das Problem des Kindesmissbrauchs nicht mit Pädophilie allein zu erklären sei. Im Gegenteil. Mindestens 60 Prozent, geschätzt aber sogar bis zu 90 Prozent aller Missbrauchsfälle würden nicht von Pädophilen begangen, sondern von „normal“ veranlagten Männern, deren sexuelle Orientierung sich eigentlich auf Erwachsene richte. Sie missbrauchten Kinder als Ersatzobjekt. Man spreche hier, so die Expertin, von sadistischen Tätergruppen, die Machtpositionen und Abhängigkeitsverhältnisse ausnutzen. Hier gehe es nicht um sexuelle Befriedigung, sondern um Gewalt, um Machtausübung.

Was macht jetzt die Kirche? „Sie musste dazulernen und will auch dazulernen“, antwortete Pfarrer Marc Röbel. Früher sei aus Angst um Glaubwürdigkeit und Amtswürde vieles vertuscht worden, auch weil man die heute erforschten Hintergründe nicht gekannt habe. Inzwischen stehe die Opferperspektive im Vordergrund. Die Kirche versuche, der Offenheit Raum zu geben, um Geschehenes aufzuarbeiten. Nachdem in Irland und in den USA vergleichbare Skandale für Aufsehen gesorgt hatten, habe die katholische Kirche in Deutschland schon vor einigen Jahren die psychologische Betreuung für Priesteranwärter verstärkt. Zudem werde für jeden Bewerber ein Gutachten über dessen Eignung erstellt.

Wünschenswert, so Röbel, sei aber auch eine Begleitung auf dem weiteren Weg, mehr Kommunikation zu offenen Fragen. Dazu der Geistliche wörtlich: „Wer andere Menschen seelsorglich begleiten will, muss sich selbst begleiten lassen.“ So könnten regelmäßige vertrauliche Gespräche mit einem Seelsorger, ggf. unterstützt durch Psychologen, den Geistlichen über die Jahrzehnte helfen, ihren Lebens- und Berufsalltag erfüllend und effektiv zu gestalten.

Das Thema „Gottes Bodenpersonal“ wurde an diesem Abend von der Missbrauchsdebatte bestimmt, ist damit aber noch lange nicht erschöpft. Deshalb wird es dazu am Sonntag, 17. Oktober, um 19.30 Uhr in der Akademie einen zweiten Gespächsbend geben, an dem das Thema breiter diskutiert werden soll. Das für diesen Termin ursprüngliche vorgesehene Thema „Gott und der Mammon“ wird aufs nächste Jahr verschoben. Fragen und Anregungen zum Thema können Interessierte gern schon im Vorfeld mailen ( , Betreff: Unglaubensgespräche).

Hinweis:
Der komplette Vortrag von Dr. Martina Weiler-Berges jetzt als Download
Vortrag von Frau Dr. Weiler-Berges

 

 
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