2021
„ÜberLeben“, so betitelte die Stapelfelder Akademie ihre Halbjahresprogramme, die sie 2020/2021 unter den schwierigen Verhältnissen angesichts der Coronakrise zusammenstellte. Ziel war es dabei auch, „über grundsätzliche Fragen des Lebens nachzudenken.“ Ganz in diesem Sinne fand im September 2021 ein „Akademieabend“ mit Professor Dr. Norbert Lammert (Foto) statt. Der CDU-Politiker und langjährige Präsident des Bundestages (2005 – 2017) sprach vor rund 80 Gästen über „den Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält“.
Dieser Kitt, so Lammert, sei brüchig geworden, „es gibt ihn zum Teil auch nicht mehr“. Ein Mindestmaß an gemeinsamen Erfahrungen, Orientierungen und Überzeugungen müsse jedoch immer wieder erstritten und verabredet werden. Lammert zitierte Kardinal Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI., der schon zu Beginn der 2000er Jahre gesagt habe: „Die rationale oder die ethische oder die religiöse Weltformel, auf die sich alle einigen und dann das Ganze tragen könnte, gibt es nicht. Jedenfalls ist sie gegenwärtig unerreichbar.“ Und Lammert konstatierte: „Der Kitt, der alle zusammenhält, ist nicht im Handel.“ Aber: „Er kann und muss ständig neu ausgehandelt werden.“

Dieser Zusammenhalt sei nur zu finden über „die gemeinsamen Erfahrungen, die Menschen miteinander gemacht haben, durch die Einsichten, die daraus entstanden sind, durch die Überzeugungen, die sich daraus begründen lassen“. Der Name für diese Grundübereinstimmung heiße „Kultur“. Nicht im Sinne von Museen oder Opernhäusern, sondern als „Common Sense“, als Verabredung von Grundsätzen des Zusammenlebens: „Der Zusammenhalt einer Gesellschaft wird durch Kultur gestiftet oder
er findet nicht statt“, so sein Resümee.